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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-936536-27-9

Bernd Dressler:

Die Trennungsagentur

178 Seiten, Broschiert
ISBN 978-3-936536-27-0
14.80 EURO

Leseprobe

Tina und Sarah – Ein Musterbeispiel von Kaltschnäuzigkeit
Eigentlich hatte ich Tina allein erwartet, doch als ich Ende September die Eingangstür öffne, stehen mir zwei ausgesprochen hübsche Teenager gegenüber.
Ich bitte sie herein und während sie vor mir her ins Büro laufen, ärgere ich mich ein wenig darüber, dass man ›meiner Altersgruppe‹ so etwas damals vorenthalten hat.
Im Büro Platz genommen, platzt Tina auch schon los:
»Also, ich bin Tina, aber wir sind jetzt wegen Sarah hier.«
Ich sehe Sarah an, sie weicht meinem Blick aus und rutscht von Anfang an unruhig auf ihrem Stahl hin und her. Die Situation scheint ihr sehr unangenehm zu sein.
Ungerührt behält Tina die Initiative und plaudert los.
»Wir gehen zusammen in eine Schule und sind seit drei Jahren die besten Freundinnen. Sarah hatte ein halbes Jahr einen Freund, den Chris.
Chris ist wahnsinnig groß und hat lange dunkle Haare und fährt eine Maschine.« Fast gerät sie ins Schwärmen bei der Schilderung von Chris.
Offensichtlich merkt sie das selbst und schaltet einen Gang zurück.
Ihre Schilderung geht weiter:
»Jedenfalls baggert mich der Kerl bei einer Fete an, auf der er alleine ohne Sarah war, obwohl er wusste, dass wir gut befreundet sind.
Also der Kerl baggert mich den ganzen Abend an und schließlich habe ich mich von dem auch noch küssen lassen. Aber ich war schon gut durch und habe dann zwei Tage später auch gleich Sarah informiert. Das hat sie natürlich völlig fertiggemacht und jetzt weiß sie nicht weiter, schließlich liebt sie ihn ja noch, aber ich bin der Meinung, so etwas kann man ihm nicht durchgehen lassen. Deshalb sind wir hier, weil sie es nicht schafft, sich von ihm zu trennen. Ich habe von Ihrer Trennungsagentur vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen und bin überzeugt, dass Sie der Sarah in ihrer verzweifelten Situation helfen können, können Sie doch, oder?«
Diese Wiedergabe ist um die fäkalsprachlichen Ausdrücke, mit denen sie ihre Schilderung ›gewürzt‹ hat, bereinigt.
Während dieses Redeflusses war es mir nicht möglich, irgendeine Frage oder Anmerkung loszuwerden.
Sarah sieht immer noch nicht glücklicher aus, obwohl ihre Freundin das ganze Dilemma bereits geschildert hat.
Daher frage ich sie direkt: »Und Sie wollen, dass ich Ihrem Chris die Trennungsbotschaft übermittle?«
Sie zögert und sieht sehr unglücklich aus. Bevor sie dann antworten kann, kommt diese Antwort von Tina.
Tina scheint eine kleine Führernatur zu sein, denn sie gibt gleich wieder die Richtung vor:
»Natürlich sollen Sie die Trennung für Tina machen, mit so einem Kerl darf man doch nicht weitermachen! Der verdient doch keine zweite Chance.«
Endlich nickt Sarah ergeben.
Während Tina sich immer noch nicht beruhigen kann, nehme ich meinen Auftragszettel und fange an, ihn auszufüllen.
Ich wende mich direkt an Sarah und frage, auf welche Art ich dem Chris die Nachricht übermitteln soll.
Ohne zu zögern antwortet ihre beste Freundin für sie.
»Natürlich die billigste Art, also per Telefon und sagen sie ihm, dass er sich ja nicht nochmal bei ihr blicken lassen soll. Sie will nichts mehr mit ihm zu tun haben!«
Sie geht mir ein bisschen auf die Nerven und Sarah fängt an, mir leid zu tun.
Also frage ich Sarah noch einmal direkt und sie bestätigt den telefonischen Weg.
Ich kassiere das fällige Geld und frage, wann ich ihn am besten erreichen kann. Vorsichtshalber lasse ich mir von Sarah noch den Ausweis zeigen, aber sie ist schon achtzehn.
Wie nicht anders zu erwarten, fängt sofort Tina an. »Na, am besten sofort!«
Wieder sehe ich zu Sarah und die sagt: »Es wäre mir lieber, sie würden es erst heute Abend machen«.
Von Anfang an habe ich es zur Bedingung gemacht, dass ich nur telefoniere, wenn niemand dabei ist, oder persönliche Besuche immer allein durchführe. Das hat folgenden ganz sinnvollen Hintergrund.
Stellen Sie sich bitte vor, ich würde bei jemandem vor der Tür stehen und meine Auftraggeberin würde hinter mir stehen.
Es würde ganz zwangsläufig ein Gespräch zwischen den beiden entstehen und an mir vorbei geführt werden. In dieser Situation könnte ich vermutlich ohne Gruß gehen und keiner der Kombattanten würde es bemerken.
Das gleiche könnte geschehen, wenn ich im Beisein telefoniere und dann meine Auftraggeber sich plötzlich einmischen und irgendetwas zum Besten geben wollen.
In dieser Situation könnte ich mein Telefon auch für die nächste Zeit abmelden, die ›sich Trennenden‹ würden es jedenfalls ausgiebig blockieren.
So erkläre ich den beiden vor mir sitzenden Graziellas, dass ich Chris erst abends anrufen werde.
Tina versucht nochmals zu intervenieren, aber es bleibt dabei.
Auffällig missmutig geht die eine, die andere ist scheinbar etwas erleichtert.
Ich habe die beiden am Nachmittag längst vergessen, als es nochmals klingelt.
Ich öffne und bin ziemlich überrascht, als ich in Sarahs verweintes Gesicht blicke.
Ich bitte sie herein und biete ihr den Platz an.
Inzwischen ist mein Azubi aus der Berufsschule eingetroffen, ihm fallen fast die Augen aus, als er Sarah sieht. Über den Besuch der beiden am Mittag hatte ich ihn schon in Kenntnis gesetzt.
Ich frage Sarah, ob sie einen Kaffee möchte, ich ernte einen dankbaren Blick. Jahrelanges Training veranlasst Tadeusz sofort an die Kaffeemaschine zu springen.
Sarah rückt dann mit der Sprache raus, eigentlich wollte sie sich noch gar nicht trennen, aber inzwischen sieht sie es genauso wie Tina.
Aber sie ist deshalb noch einmal allein wiedergekommen, weil sie mich bitten wollte, persönlich zu Chris zu fahren, und ihm die Trennungsbotschaft nicht auszurichten, sondern vielmehr meinen »Gelbe-Karten-Service« zu machen, schließlich liebe sie ihn ja noch immer und möchte sich noch nicht richtig trennen.
Aber er soll schon wissen, dass sie sich das nicht noch einmal bieten lasse. Sie könne ihm sonst gar nicht mehr vertrauen. Er solle nur merken, wie sehr er sie verletzt habe, aber sie möchte die Tür noch nicht endgültig zuschlagen.
Selbstverständlich erkläre ich mich bereit, den Auftrag umzuändern, sage ihr aber gleich, dass ich erst am übernächsten Tag gegen Abend dort hinfahren kann, um mit ihm zu reden. Sie ist einverstanden und bezahlt die Differenz. Sichtbar erleichtert verabschiedet sie sich und mein Azubi reißt sich geradezu darum, sie zur Tür zu begleiten.
Ich denke nicht mehr an die beiden und mache mich am Freitagabend auf den Weg nach Tempelhof, um Chris zu ›verwarnen‹.
Wenn sie, geneigte Leserin, nicht genau wissen, was es mit dem »Gelbe-Karten-Service« auf sich hat, hier die Erklärung:
Wenn bei einem Fußballspiel ein Spieler einen anderen foult oder anderweitig die Regeln verletzt, so kann der Schiedsrichter diesen Spieler verwarnen, das heißt, dieser Spieler muss für den Rest des Spiels bei seinem Einsatz besondere Vorsicht walten lassen, denn er ist verwarnt. Lässt er sich noch einmal etwas zu schulden kommen, so erhält er die rote Karte und muss das Feld verlassen. Das wäre auf die Beziehungsebene übertragen, die Trennungsbotschaft.
So ist also die »Gelbe Karte« eine letzte und ernsthafte Verwarnung, wenn der Beteiligte sein Verhalten nicht verändert, so folgt irgendwann die Trennung.
Selbstverständlich habe ich mir extra eine richtige Gelbe Karte besorgt und sie dann auch in einzelnen Fällen schon sehr überraschten Botschaftsempfängern gezeigt.
Da ich von den Auftraggebern dieses Angebotes nie wieder etwas gehört habe, gehe ich selbstbewusst davon aus, dass die Warnung mit der Karte überaus erfolgreich gewesen ist. Soweit dazu.
Also nun bin ich unterwegs zu Chris, um ihm die letzte Chance für die Beziehung mit Sarah zu geben.
Diesmal habe ich Glück und finde knapp neben der Haustür einen Parkplatz und gehe in die Hausnummer 16.
Mein Glück bleibt bei mir, weil ich nur in die erste Etage muss.
Meine gelbe Karte gezückt, drücke ich auf die Klingel.
Schnelle Schritte sind zu hören, die Tür wird geöffnet und ich bin fassungslos! – Vor mir steht ein Bikini und in diesem Bikini steckt … Tina!
Sie sieht in diesem Moment so dumm aus, dass ich denke, die ist genauso gespannt, was sie gleich sagt, wie ich.
Gleichzeitig stellt sie auf Schnappatmung um.
Da mehrere Sekunden keiner von uns beiden etwas sagt, höre ich aus dem Nebenzimmer jemanden kommen.
Es muss der besagte Chris sein, groß, lange, dunkle Haare.
Sofort ergreife ich die Initiative und sage, dass ich ihn unbedingt jetzt unter vier Augen sprechen muss.
Bevor er antworten kann fällt ihm Tina ins Wort und sagt geistesgegenwärtig: »Schatz, du willst doch jetzt nicht mit einem Fremden über Versicherungen reden. Wir wollen doch gleich essen.«
Eigentlich müsste ich dieses achtzehnjährige Huhn für diese schnelle Reaktion bewundern, aber jetzt hat sie sich mit mir angelegt, das nimmt kein gutes Ende.
Ich mache das Gespräch mit ihm dringend und biete ihm an, kurz mit mir auf die andere Straßenseite ins Café zu gehen, damit wir ungestört sprechen können.
Er lässt sich überzeugen und kommt mit. Während er sich umdreht und nach einer Jacke greift, werfe ich einen Blick auf Tina, sie schäumt und unternimmt einen letzten Versuch. Er scheitert.
Wir unterhalten uns doch länger als vorgesehen und um Ihre Spannung zu mildern, selbstverständlich führe ich den Auftrag für Sarah sorgfältig aus.
Eine Trennung gab‘s gratis dazu.

Anmerkung des Autors: Wo lernt Ihr Frauen das bloß?

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